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UND ZUM SCHLUSS ICH
Eine Erzählung

Wir fahren wieder nach Wien. Sonntag, das Wochenende ist vorbei. Jetzt schon. Am frühen Nachmittag. Das Wochenende beginnt immer dann, wenn ich Barbara freitags um 17 Uhr von der Arbeit abhole und endet immer sonntags nach dem Frühstück, nach den weichen Eiern, dem Schinkenbrot, dem Orangensaft und dem Kaffee. Für den Rest von diesem Tag bleibt immer nur das Warten auf den Montag - den Arbeitsbeginn, den Alltag, das Gewohnte.

Ich drehe die Musik leiser, hoffe, daß Barbara mit mir spricht. Kein Wort. "Das Wochenende war toll." Barbara nickt. Eine Zigarette. Ich biete ihr auch eine an. Barbara lehnt ab. Stumm schaut sie zum Fenster hinaus. Ich lächle sie an.

Ich drehe die Musik lauter und singe leise mit, versuche jene Textzeilen, die ich noch nie verstanden habe, endlich zu verstehen. Wieder nicht. Vielleicht beim nächsten Mal.

In diesem Ort muß ich aufpassen, hier steht oft die Gendarmerie. Ich schaue auf den Tachometer. Genau 50. Barbara ist eingeschlafen. Sie schläft immer ein. Egal ob am Freitag, wenn wir aufs Land fahren, oder am Sonntag, wenn wir wieder nach Wien unterwegs sind. Egal wie spät es ist, egal ob die Sonne scheint oder ob es regnet, egal welche Jahreszeit.

Barbara schläft immer ein. Ich drehe die Musik leiser, will sie nicht wecken. Anfangs fand ich Barbara süß und sehr reizend, wenn sie so zufrieden neben mir eingeschlafen ist, heute schläft Barbara eben. Aber auch das ist ihr egal.

Ihr Kopf sinkt nach vorne. Ihr Mund ist weit geöffnet. Ein wenig Speichel rinnt über ihr Kinn. Ein schrilles Gitarrensolo. Ich drehe noch leiser. Eigentlich schade. Dieses Solo ist großartig. Nicht so schlimm, ich kann es mir ja laut anhören, wenn ich dann von ihr zu mir fahre. Die nächste Zigarette. Sie schmeckt nicht. Sonntags schmecken nicht einmal die Zigaretten.

Der nächste Scheißer auf der Straße. Ich hasse diese Langsamfahrer. Sollten alle zu Fuß gehen! Wozu haben die sich überhaupt ein Auto gekauft? Ein teures, großes, schnelles, starkes obendrein, wenn sie dann höchstens 70 km/h fahren? Es ist, wie wenn man eine Fliege erschlägt: Zwei Fliegen kommen. Viel lästigere. Einen überholten Scheißer folgen zwei zu überholende Scheißer. Diesen beiden folgen drei und so weiter, 80 Kilometer lang.

Freitagabend und sonntags nach dem Frühstück. Nicht die Schnellfahrer verursachen Verkehrsunfälle, sondern diese Scheißer. Wenn sie wenigstens so schnell fahren würden, wie man darf, aber nein, langsamer müssen sie fahren, langsam, aufhaltend, störend, ärgerlich.

Ein überfahrener Hase! Falls es wirklich einmal ein Hase war. Jetzt ist es nur mehr ein rotbrauner Fleck auf der Fahrbahn. Ich weiche diesem Fleck aus. Vielleicht war es ein Igel. Der nächste Ort. Barbara bewegt sich, lehnt sich zurück. Ihr Kopf fällt zur Seite - an die Fensterscheibe der Beifahrertür. Barbara streckt ihre Beine aus. Ich hoffe, daß sie es bequem hat.

Wien rückt näher. Zum Glück. Es tut gut, wieder in die Stadt zu kommen. Es tut sehr gut, jeden Sonntag. Ich liebe Wien. Allerdings macht es mich glücklich, die Stadt für zwei Tage zu verlassen. Zumindest hin und wieder muß ich einfach weg. Möglicherweise flüchte ich nur vor ihr, weil ich mich auf das Wiedersehen so sehr freue. Im Winter bleiben wir am Wochenende meist in Wien. Das Land ist im Winter unerträglich. Kalt, karg und ohne Leben. Soviel ich mir auch anziehe, dort bleibt mir kalt.

Ich schaue Barbar an. Vielleicht wacht sie ja doch auf. Es wäre schön, ein wenig mit ihr zu sprechen, ein paar Worte wenigstens, nicht viel, zwei, drei Sätze würden mich schon freuen. Rede mit mir! Bitte. Ihr Kopf schlägt ständig gegen die Fensterscheibe. Ich lasse sie trotzdem schlafen. Ihr Kopf schlägt so fest gegen die Scheibe, daß ich fürchte, sie könne brechen. Ein wenig Blut klebt bereits an ihr. Barbara verwischt ihr Blut mit ihrem blonden Haar. Ich hasse den Sonntag.

Vorsicht, Radar! Tempolimit 70. 70, nicht 50, du Scheißer! Ein Wagen im Straßengraben. Der Lenker liegt wahrscheinlich schon in einem Sarg. So wie der Wagen aussieht, wäre es ein Wunder, wenn der Fahrer noch lebte. Es ist, oder besser war, ein roter BMW. Er liegt auf dem Dach. Ich kenne das Auto nicht. Zum Glück. Das ist etwas, wovor ich mich fürchte. Nicht davor, selbst solch einen Unfall zu haben, sondern an einem Auto, das auf dem Dach liegt oder ausgebrannt ist, vorbeizufahren und es als das Auto eines Freundes zu erkennen. Bei jedem Wagen, der im Graben liegt, bin ich froh, wenn ich ihn nicht kenne...