
Eine Erzählung
Rauschkinder, Vier Erzählungen
Birgit sitzt im Zug. Im Abteil stinkt es nach Wein und Wurst. Wie fast immer. Es ekelt sie. Beinahe wird ihr übel. Jedes Mal ist das Einsteigen in einen Regionalzug eine Überwindung. Die Sitze sind schmierig, es ist stickig und nur mäßig warm. Birgit fröstelt leicht. Sie verschränkt die Arme und starrt auf die Lehne des Sitzes gegenüber.
Birgit lebt in Wien, ihre Mutter wohnt in einer Kleinstadt in Niederösterreich - wenige Kilometer von der Grenze zu Tschechien entfernt. Hin und wieder besucht Birgit ihre Mutter. Nicht mehr oft, aber doch nicht nur zu Ostern und zu Weihnachten. Die meiste Zeit allerdings ist Birgits Mutter, Mathilda, allein in einem großen Haus in der Kleinstadt. Allein mit ihrer roten Katze und ihren Stickereien.
Es ist Mitte Februar. Der Winter kommt Birgit heuer länger vor als sonst. Sie schaut zum Zugfenster hinaus. Eine graue Ebene, soweit das Auge reicht. Nur selten sieht man Bäume, die Äcker wirken, als lägen sie brach. Als gäbe es keine Bauern, die die Felder bestellen. In den meisten Dörfern, in denen der Zug hält, sind keine Menschen zu sehen. In manchen Stationen hält der Zug und nichts geschieht. Niemand steigt aus, niemand ein. Geisterdörfer. Der Zug steht zwei, drei Minuten ohne ersichtlichen Grund. Kalt. Öd. Karg. Nicht einmal Schnee gab es diesen Winter. Nur Nässe und Kälte. Die schlimmste Kombination.
Wieder einmal ein Wochenendbesuch, denkt Birgit. Es wird wie immer werden. Ich habe es geschafft. Morgen wird alles anders sein. Morgen ist es soweit. Endlich.
Birgit steigt aus dem Zug. Sie trägt einen kleinen schwarzen Rucksack. Zehn Minuten sind es zu Fuß vom Bahnhof bis zum Haus der Mutter. Früher ist Birgit diese Strecke öfter gegangen, aber nun will sie nicht mehr so oft hier sein. Nicht mehr so oft bei ihrer Mutter. Am besten wäre es, denkt Birgit, wenn ich niemandem mehr aus dieser Stadt, noch besser überhaupt niemandem aus dieser Gegend begegne.
Birgit steht vor dem Haus ihrer Mutter. Das letzte Mal. Sie sperrt die Haustür auf und betritt den Vorraum. Ihre Mutter empfängt sie erfreut. „Schön, daß du da bist.” Birgit und Mathilda geben einander einen Begrüßungskuß. "Kaffee?" fragt Mathilda.
"Gern." Mathilda geht in die Küche, um Kaffee aufzustellen, Birgit geht ins Wohnzimmer, setzt sich auf die Couch, nimmt die Fernbedienung des Fernsehers und schaltet ihn ein. Samstagnachmittagsserien. Birgits Mutter bringt den Kaffee. Sie fragt nach Neuigkeiten im Beruf. Birgit antwortet einsilbig.
Birgit arbeitet seit einem Jahr als Billeteurin in einem kleinen Kino in Wien. Sie verdient schlecht, gerade so viel, daß sie viel, daß sie eine Einundzwanzig-Quadratmeter-Wohnung im fünften Bezirk Wiens mieten, und Kleidung, Essen und Wein kaufen kann. Ihr letzter Urlaub ist neunzehn Jahre her. Damals war sie drei Jahre alt. Sardinien. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder, Alexander. Birgits Konto ist hoffnungslos überzogen. Da Birgit nicht mit dreißig Jahren unter irreparablen Zahn- und Kieferschäden leiden wollte, mußte sie vor einem Jahr wegen einer aufwendigen Operation, die die Krankenkasse nicht zahlen wollte, hohe Schulden machen. Der Zahnarzt fragte Birgit bei einem ihrer vielen Termine, ob sie als Kind am Daumen gelutscht habe. Birgit bejahte. Der Zahnarzt meinte, Birgits Zahn- und Kieferprobleme müßten wohl darin ihre Ursache haben.
Tatsächlich hatte Birgit bereits sehr früh, gleich nach den ersten ernsthaften Streitereien der Eltern, mit dem Daumenlutschen angefangen. Was auch immer ihre Mutter dagegen unternahm, Birgit lutschte weiter am Daumen. Nichts half. Keine Tinktur, kein Einbinden des Daumens. Birgit fand immer einen Weg, an ihrem Daumen zu lutschen. Kinderärzte meinten, Birgit verarbeite damit die Streitereien und die Scheidung der Eltern, das sei völlig normal und sie würde schon ganz von allein damit aufhören.
Nach der Matura hatte Birgit zu studieren begonnen. Sie leistete sich dreihundertfünfundsiebzig Euro Studiengebühr und inskribierte Jus. Zwei Semester hielt sie durch. Dann ging ihr das Geld aus. Mit Halbtagsjobs verdiente sie zu wenig zum Leben, und wenn sie ganztags arbeitete, hatte sie zwar genug Geld, aber zu wenig Zeit fürs Studium. Birgit liebte Filme. Und so war ihr Job als Billeteurin trotz der schlechten Bezahlung nicht unangenehm.
Mathilda hat ähnliche Probleme. Seit Anfang Dezember des Vorjahres ist sie wieder einmal arbeitslos. Das vergangene Jahr war sie für alles anders als erfreulich. Drei Arbeitsplätze hat sie verloren. Zuerst den Posten in einem Bioladen in der Kleinstadt, weil sie ständig gegen den herrschsüchtigen und ungerechten Chef rebellierte, dann ekelte man sie aus einem anderen Unternehmen, weil die Stelle für eine Freundin der Geschäftsführerin frei werden mußte, und zu guter Letzt feuerte sie der Besitzer einer Damenboutique in Wien nach genau einem halben Jahr. Für dieses halbe Jahr hatte die "Initiative 50" die Lohnnebenkosten übernommen, danach hätte der Unternehmer alle Lohnkosten selbst zahlen müssen. Eine billige Arbeitskraft für ein halbes Jahr war ihm gerade recht gekommen.
Mit sechsundfünfzig ist es schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. Nahezu aussichtslos. Mathilda ist zu alt, um vom Arbeitsmarktservice vermittelt werden zu können, aber zu jung, um in Pension zu gehen. Mathildas ausweglose Situation war Birgits Chance. Endlich war ihre Zeit gekommen...


