
Erzählung
Staininger: UND ZUM SCHLUSS ICH
Mit kraftvollen Strichen
Christian hat einen wenig erbaulichen Job und eine noch viel weniger erbauliche Behausung. Die Arbeitswoche bietet wenig außer Trübsal, doch Christian weiß, wofür es sich lohnt, diese Tristesse durchzustehen. Für seine Freundin Barbara, mit der er die Wochenenden verbringt. Barbara wohnt noch bei ihrer Mutter am Stadtrand von Wien, und so ist unter der Woche beziehungsmäßig wenig zu wollen. Doch in beiden scheint der Wunsch nach mehr zu entstehen, ein mehr, das nur durch eine gemeinsame Wohnung erfüllbar ist. Endlich wäre dann die Freundschaft nicht mehr auf sams-, sonntägliche Ausflüge und gelegentliche Telefonate beschränkt. Und tatsächlich hat es den Anschein, als lächelte den beiden hold das Glück. Sie finden eine Bleibe. Und Christian macht sich sofort daran, diese entsprechend bewohnbar zu machen. In der Folge jedoch muss er erkennen, das kein Licht ohne Schatten, und letztere werfen sich besorgniserregend über die Liebe von Barbara.
Christopher Stainingers Prosaerstling ist von einer eindringlichen Sprache, wie man sie in der zeitgenössischen österreichischen Literatur oftmals vermissen muss. Mit wenigen, dafür umso kraftvolleren Strichen skiziert er einen Mikrokosmos und leuchtet die Untiefen zwischenmenschlichen Interagierens aus. Stainingers Erzählung ist ein Spiegel in dem wir uns selbst erkennen. Und genau das zeichnet gute Literatur aus.
Christopher Staininger wurde 1970 geboren und wuchs in Wien und Retz auf. Noch während seiner Gymnasialzeit in Hollabrunn verfasste er erste Gedichte, und für seinen Lyrikband "Cognac & Rotwein" erhielt er 1994 den Anerkennungspreis des Landes NÖ für Literatur. Zwischenzeitlich hat Staininger in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien publiziert. Ein Name, den man sich merken sollte, ein Name, der für die Zukunft viel verspricht.
Erschienen am 7. Juli 2000, Wiener Zeitung
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UND ZUM SCHLUSS ICH
Eigentlich, eigentlich geht es ja sehr schnell, über einen langen Zeitraum betrachtet, im Verhältnis zu eben diesem, und dann doch eher ein Zeitraum, der innehat, es ginge schneller als es passiert, und der einen träumen lässt, dass es wirklich besser wird, wenn das Blöde, das jetzt gerade ist, vorbei geht, und es geht eh schnell ... und der in Wahrheit doch nur sich selbst zum Traum hat, und immer das Gleiche spinnt, der Vergangenheit zunickt, nicht der Zukunft, die ein Stück präsenter ist nämlich, weil sie immer gerade passiert.
Von einem der auszog, weil er die Liebe im Herzen hatte und der nun dasitzt in der eigenen Wohnung, so groß wie eine Schachtel, der wartet auf das zu Hoffende (dass sie beide zusammen sind, so richtig, und in echt, weil die Liebe ist auch echt), möge die Nabelschnur bersten und das größte Stück die Mutter treffen, möge dies und jenes.
Und dann passiert das Gewünschte, und das ist doch wonach gesucht wurde, und ... oder ... aber ...
Es ist viel Zeit vergangen und noch immer reicht sie nicht für die Erkenntnis, und dann, eine halbe Seite lang ändert sich das Leben und das macht Luft, und jemand könnte denken, „Echt?“, und es ist scheinbar wirklich, weil der Sog, der das Buch einem gibt, ist auch da und wirklich echt und Amen ich sage euch, stehlt das Buch aus der nächsten Handtasche, oder besser, kauft das Buch im nächsten Laden, begebt euch direkt dorthin, sprecht mit niemandem auf dem Weg, wir sind alles (Ab-)Getrennte, und die Absicht ist einem nicht geschenkt, die schenkt man sich selbst unter Mühen und wunden Schreien, weil es nur so weitergeht und weil was der Herr Christopher kann, wir auch können, oder es zumindest wollen.
Prädikat: langsam und auf unwegsame, bemerkenswert traurige Art zielstrebig.
Sagte ich nachvollziehbar?
Meinte auch nachvollziehbar.
von Erika Wurzenrainer, DUM, Das ultimative Magazin. Jahrgang 6, Nr.: 23 / 2002
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Christopher Staininger: Und zum Schluß ich. Eine Erzählung.Linz - Wien: Resistenz Verlag, 2000
“Und zum Schluß ich", so lautet einerseits der Titel der Debuterzählung des jungen niederösterreichischen Autors Christopher Staininger, andererseits charakterisiert diese lapidare Feststellung das Leben des Ich-Erzählers Christian. Dieser trottet stets hinter seiner Freundin und deren Mutter hinterher, bis an die Grenze der Selbstverleugnung läßt er sich von den beiden Frauen herumkommandieren, schikanieren und demütigen. Nichts großartig Böses widerfährt ihm, kein Betrug, kein Streit, vielmehr sind es die tausend kleinen Nadelstiche, oft getarnt als freundliche Bitte, die Christian ins Schweigen treiben, in eine sich leise aus der Wirklichkeit entwickelnde Phantasiewelt, die immer wieder den Realismus dieser Erzählung sprengt. Das stille Hinnehmen des Alltäglichen wird für Christian ertragbar, weil er es als befristetes Durchgangsstadium für ein besseres Leben empfindet. Eine gemeinsame Wohnung soll für alles entschädigen. Aber wieder trottet er hinterher, bei der Wohnungssuche, beim Renovieren, und zum Schluß ich, Christian ist der letzte, der gefragt wird, der bestimmen darf, auch wenn es um sein Leben geht. “Und zum Schluß ich" ist die akribische Beschreibung eines Stillstands, das nüchterne, emotionslose Protokoll von zwischenmenschlicher Kälte. Im Grunde ist Christian ein Suchender und Barbara eine Marionette ihrer frustrierten Mutter. Was die beiden dennoch zusammenhält, ist nicht erklärbar. Weil in dieser Erzählung so wenig geschieht, weil die Protagonisten nichts interessiert, weil sie für nichts Leidenschaft empfinden, schon gar nicht für den anderen, wird die Beschreibung des Details zum bestimmenden, nahezu enervierenden Stilmittel dieses Textes, der in seiner Konsequenz und Radikalität fasziniert.
Norbert Silberbauer
Podium, Oktober 2000


